Impulsbeitrag „Ukraine - nach 4 Jahren"
Punkt 7 - 30 Minuten innehalten für die Nöte der Welt
7. April 2026, 19:00 Uhr, Moritzkirche Augsburg
Anna Yevtushevska
Ukraine - nach 4 Jahren
Das vierte Jahr des Krieges in der Ukraine.
Das vierte Jahr, in dem Ukrainerinnen und Ukrainer Schutz und Unterstützung in anderen Ländern suchen.
Es ist keine Nachricht mehr.
Es ist Realität.
Heute leben mehr als 1,2 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland.
Aber wie leben diejenigen, die vor Ort geblieben sind?
Meine Mutter arbeitet in Kyjiw in einem der größten Heizkraftwerke der Stadt, das einen großen Teil Kyjiws mit Wärme und Strom versorgt.
Nach zahlreichen Rakettenangriffen wurde das Kraftwerk schwer beschädigt. Die Wärmeversorgung ist seitdem extrem instabil. Allein im Januar 2026 schlugen dort fünf Raketen ein.
Eine von den Geschichten meiner Mutter:
„Alarm! Wir sitzen im Schutzraum - und in diesem Moment ein Einschlag auf das Kraftwerk.
Trümmer treffen den Schutzraum und blockieren einen der Ausgänge. Die Menschen versuchen zu fliehen, aber ein Rohr bricht.
Das Wasser in den Leitungen ist fast 100 Grad heiß und steht unter Druck.
Der Raum füllt sich mit heißem Wasser.
Viele erleiden Verbrennungen dritten Grades und kommen ins Krankenhaus.“
Vor Kurzem schlug erneut eine Rakete auf dem Gelände ein - sie explodierte zum Glück nicht.
Später bestätigten Spezialisten: Sie hatte keinen Sprengkopf.
Im Winter war es in den Wohnungen so kalt, dass meine Mutter im Februar zu Hause einen Wintermantel trug.
Als sie mit meinem Stiefvater einen Gasheizer kauften, wurde es wärmer - aber es kam eine neue Angst dazu: dass er explodieren könnte.
Wenn ich meine Mutter bitte:
„Komm zu mir. Hör auf mit dieser Arbeit.“
antwortet sie:
„Jemand muss das tun.“
Und jedes Jahr gibt es diese Hoffnung.
Eine einfache Hoffnung: vielleicht geht es bald zu Ende.
Solche Angriffe passieren in der ganzen Ukraine.
In diesem Winter lebten Millionen Menschen mit ständigen Ausfällen von Strom und Heizung.
Im Januar fiel der Strom teilweise bis zu 20 Stunden am Tag aus.
Manchmal gab es ihn nur für ein oder zwei Stunden.
Ich höre oft die Meinung, dass Ukrainerinnen und Ukrainer in „sichereren“ Städten leben könnten — zum Beispiel im Westen der Ukraine.
Aber gibt es diese illusorische Sicherheit wirklich?
Das ist keine Geschichte aus dem Internet.
Das ist die Geschichte einer Freundin von mir
über ihre Klassenkameradin.
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Lwiw. Eine Stadt, die lange als eine der sichersten in der Ukraine galt.
Die junge Frau war zu Hause mit ihrer Mutter. Die Mutter telefoniert mit ihrem Sohn und sagt:
"Hörst du das? Das sind Raketen."
Der Sohn antwortet: "Mama, geh in den Schutzraum."
Sie sagt noch ein paar Worte —
und dann bricht die Verbindung ab.
Und mit ihr ihr Leben.
Eine Rakete traf direkt ihr Haus.
Mutter und Schwester wurden in geschlossenen Särgen beerdigt.
So detailliert hat das danach der Sohn in seinem Facebook-Account veröffentlicht.
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Solche Geschichten sind keine Ausnahme.
Sie sind Realität in der ganzen Ukraine.
Die Menschen, die bleiben, leben wie in einer Lotterie -
mit ihrem Leben als Einsatz.
Einer meiner Freunde aus Cherson hat sein Zuhause verloren.
Eine Rakete hat es vollständig zerstört.
Seine Frau und seine drei Kinder haben zum Glück überlebt.
Aber sie haben keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren können.
Im Osten der Ukraine — in Charkiw, inTschernihiw, in Kramatorsk, in der Region Donezk -
gibt es fast täglich Explosionen: Drohnen, Raketen, Bomben.
In Kramatorsk fahren Züge sehr selten.
Wegen der Stromausfälle funktionieren Kühlsysteme in Geschäften nicht stabil. Das Essen wird schnell schlecht. Viele
Unternehmen und Apotheken schließen.
Es ist, als ob das Leben eine Pause machen würde.
Und trotzdem bleiben viele Menschen.
Im Namen vieler Ukrainerinnen und Ukrainer möchte ich Deutschland danken -
für die Unterstützung und für die Möglichkeit, in Sicherheit zu leben.
Während wir hier in Sicherheit leben, wohnen viele Menschen in der Ukraine weiter in Angst, Kälte und Dunkelheit.
Und alles, was sie sich wünschen, ist:
dass wir nicht gleichgültig werden.
Dass wir hinschauen.
Und vielleicht- dass wir heute auch gemeinsam beten.